KI-Fakes im Sixt-Look: Warum LinkedIn-Nutzer auf dieselbe Werbung kommen
KI-generiert mit ChatGPT
Nach dem Rücktritt von Jens Spahn kursieren KI-generierte Werbemotive im Sixt-Stil auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn. Die Fakes tragen das Logo des Autovermieters, stammen aber von Privatnutzern. Der Sixt-Stil ist seit Jahrzehnten öffentlich dokumentiert, deshalb erzeugen Bildgeneratoren für viele Nutzer dasselbe Motiv.
- Vom Rücktritt zur Werbewelle
- Warum erfinden LinkedIn-Nutzer dieselbe Anzeige?
- Was die KI nicht kopiert
- Auch Sixt lag schon daneben
- Wem gehört ein KI-Fake?
- Markenstil als Allgemeingut
- Häufige Fragen
- Warum darf Sixt Werbung mit Politikern machen?
- Was ist KI-Slop?
- Sind KI-generierte Bilder urheberrechtlich geschützt?
Vom Rücktritt zur Werbewelle
Jens Spahn trat am 18. Juli 2026 als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück. Auslöser war laut Tagesspiegel die Debatte um die Leihmutterschaft. Spahn und sein Mann waren in den USA Eltern geworden. Sein Bundestagsmandat behält der CDU-Politiker laut t-online.
Auf LinkedIn begann parallel eine zweite Geschichte. Nutzer veröffentlichten Werbeanzeigen im Look des Autovermieters Sixt, erstellt mit KI-Bildgeneratoren. Solche Bildgeneratoren erzeugen aus einer Textbeschreibung fertige Bilder, ähnlich wie ein Grafiker auf Zuruf. Ein Online-Marketing-Manager lobte das in einem Beitrag als Beleg für den Marketing-Erfolg von Sixt. Eine KI-Beraterin sammelte drei der kursierenden Fakes in einem Beitrag. Der Post stand am 23. Juli bei 1.219 Reaktionen, 163 Kommentaren und 21 Reposts. Zusätzlich fragte die Autorin ihre Follower nach eigenen Werbetexten für Sixt mit Spahn. Die Welle produziert damit ihren eigenen Nachschub.
Die zitierten LinkedIn-Beiträge liegen der Redaktion als Screenshots vom 23. Juli 2026 vor. Grundlage sind vier dokumentierte Beiträge aus der Woche nach dem Rücktritt, die zusammen vier unterschiedliche Fake-Motive zeigen. Die Verfasser der LinkedIn-Beiträge sind Privatpersonen und bleiben deshalb ungenannt.
Sixt selbst hat zum Rücktritt kein eigenes Motiv veröffentlicht. Darauf wies schon am 18. Juli der X-Nutzer Sebastian J. Laduga hin, der ein KI-Bild nachbaute. Zugleich fragte er öffentlich, ob solche Werbung angesichts von Rücktritt und Leihmutterschaft angemessen ist.
Eine ClawNews-Prüfung von Sixt-Newsroom, Werbearchiv und Berichterstattung am 26. Juli 2026 fand ebenfalls kein Motiv des Autovermieters zum Rücktritt. Auf eine Presseanfrage vom 23. Juli 2026 hat das Unternehmen bis Redaktionsschluss nicht reagiert.
Warum erfinden LinkedIn-Nutzer dieselbe Anzeige?
Sixt hat diesen Werbestil über Jahrzehnte öffentlich geprägt. Die Kampagne mit der zerzausten Angela Merkel stammt laut Horizont aus dem Jahr 2001. Derselbe Beitrag beschreibt die Anzeige vom Januar 2021. Mit „Falsch, Spahn!” und „Richtig spar’n!” zielte Sixt damals auf die Impfkampagne des Gesundheitsministers. Spahn reagierte laut Apotheke Adhoc gelassen und erklärte, das Plakat habe ihn nicht geärgert.
Genau diese Anzeigen sind bis heute im Netz frei verfügbar. Die zuverlässige Reproduktion durch Bildgeneratoren deutet darauf hin, dass der Stil in den Trainingsdaten weit verbreitet ist. Wer eine Sixt-Werbung zu Spahn anfordert, erhält deshalb Varianten derselben naheliegenden Idee.
Wie stark der Effekt wirkt, zeigt eines der meistgeteilten Motive der Welle. Besagtes Motiv taucht in zwei der vier dokumentierten Beiträge auf. Das Bild ist praktisch identisch mit der echten Sixt-Anzeige aus dem Jahr 2021, vom Spahn-Porträt bis zu den Slogans. Gefeiert wurde es dennoch als Beweis für die Kreativität der Community. Ob jemand das Original recycelt hat oder eine KI es neu erzeugte, lässt sich nicht belegen. Für den Befund spielt das keine Rolle. Niemand hatte die Idee zuerst, denn die Idee lag längst im Netz.
Neu ist dieses Vorgehen übrigens nicht. Bereits im November 2020 kursierte laut Horizont ein gefälschtes Sixt-Motiv, das zur Abwahl von Donald Trump aufrief. Urheber war laut turi2 die Satire-Seite Der Gazetteur, gefeiert wurde trotzdem die Marke. Damals stammte ein einzelnes Motiv von einer Satire-Seite, heute erzeugt der Schwarm per Prompt ganze Serien.
Dieselbe Mechanik verhandelt die Kreativbranche gerade vor Gericht. In den USA klagen Hollywood-Studios gegen Midjourney, weil der Bildgenerator geschützte Figuren aus Trainingsdaten reproduziert. Der Sixt-Fall zeigt die Alltagsversion dieses Konflikts. Ein über Jahrzehnte aufgebauter Markenstil wird durch KI zur frei verfügbaren Vorlage.
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