Hooked on Vibe Coding: Wenn der KI-Agent dich nicht mehr schlafen lässt
KI-generiert mit Sora
Entwickler weltweit berichten von nächtlichen Coding-Sessions, Schlafmangel und dem Gefühl, nicht aufhören zu können. Vibe Coding hat eine Suchtkomponente. Die psychologischen Mechanismen dahinter erinnern an Spielautomaten.
„Ich habe zwei Monate nicht geschlafen“
Armin Ronacher kennt die Szene. Der Erfinder des Python-Frameworks Flask beschrieb seinen Einstieg in KI-gestütztes Coding als einen Zustand, den er selbst „Agent Psychosis“ nennt. Zwei Monate lang promptete er exzessiv, baute ein Tool nach dem anderen und fühlte sich dabei produktiv. Erst danach stellte er fest: Die meisten Werkzeuge nutzte er nie.
Ronacher ist kein Anfänger. Er gehört zu den bekanntesten Entwicklern im Python-Ökosystem. Wenn ein Profi dieser Klasse zwei Monate im Rausch versinkt, sagt das etwas über Vibe Coding aus. Vibe Coding beschreibt einen Ansatz der Softwareentwicklung, bei dem Entwickler in natürlicher Sprache Anweisungen geben und KI-Agenten den Code schreiben. Der Begriff wurde vom KI-Forscher Andrej Karpathy geprägt.
Ronacher ist nicht der Einzige. Kent Beck, Erfinder des Extreme Programming, erzählte im O11ycast-Podcast, dass er zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder nachts Code schreibt. Der Mitte-60-Jährige beschrieb seine nächtlichen Sessions offen. Er wacht um zwei Uhr morgens auf und will sofort die nächste Eingabe an seinen Agenten schicken.
Auf Reddit, X und in Discord-Kanälen posten Entwickler Screenshots ihrer Session-Zeiten. „Firing up Claude at 3am“ ist zum Meme geworden. Die Beiträge klingen lustig. Das Muster dahinter ist es weniger.
Warum fühlt es sich an wie ein Spielautomat?
Rachel Thomas, Co-Gründerin von fast.ai, hat die Parallelen in einem viel beachteten Artikel analysiert. Sie greift dabei auf den Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi zurück, den Erforscher des Flow-Zustands. Csikszentmihalyi prägte in einem Interview von 2014 den Begriff „Junk Flow“.
Damit beschrieb er Aktivitäten, die sich anfangs wie echte produktive Versunkenheit anfühlen, dann aber in eine Gewohnheit kippen. Sie tragen nicht mehr zum Wachstum bei. Sie werden zur Sucht.
Experten aus der Spielsuchtforschung entwickelten den verwandten Begriff „Dark Flow“. Die Parallelen zum Vibe Coding sind bemerkenswert. Beim Spielautomaten weiß der Spieler nie, ob der nächste Hebeldruck gewinnt. Bei der KI-Coding-Session weiß der Entwickler nie, ob der nächste Prompt perfekten Code liefert.
Manchmal ja, manchmal nicht. Diese Unvorhersagbarkeit nennt die Psychologie „Variable Reward Schedule“. Sie gilt als einer der stärksten Mechanismen zur Verhaltenskonditionierung.
Dazu kommt ein Effekt, den Suchtforscher von modernen Spielautomaten kennen: „Loss Disguised as a Win“. Der Automat blinkt und spielt Geräusche, obwohl der Spieler verloren hat.
Beim Vibe Coding liefert die KI 300 Zeilen sauber formatierten Code. Der Entwickler fühlt sich produktiv. Erst Tage oder Wochen später zeigt sich: Der Code hält nicht. Er ist zu komplex, zu fehleranfällig und praktisch nicht mehr wartbar.
Server, KI-Modelle und Recherche kosten Geld. ClawNews ist unabhängig — hilf mit, dass das so bleibt.

