Der Big-Short-Mann nennt den KI-Boom Fugazi: Was an Burrys Warnung dran ist
KI-generiert mit ChatGPT
Michael Burry hat ein Gespür für Finanzblasen. Der Investor sagte die US-Immobilienkrise von 2008 voraus, verfilmt in „The Big Short”. Ende Mai 2026 widmete er sich dem KI-Boom. In einem detaillierten Beitrag nahm er einen 5,4 Milliarden US-Dollar schweren Deal auseinander. Beteiligt sind der Chipkonzern NVIDIA, eine eigens gegründete Firma und Elon Musks KI-Unternehmen xAI. Burrys Urteil lautet schlicht „Fugazi”, also fingiert. Dahinter steht eine größere Frage. Wird der KI-Boom mit kreativer Finanztechnik größer gerechnet, als er wirklich ist?
Was Burry behauptet
Am 31. Mai 2026 veröffentlichte Burry auf seinem Substack-Blog und auf X eine Grafik mit dem Titel „The Retiree/Apollo/NVIDIA/Bermuda/AMAPS/xAI Pipeline”. Dazu schrieb er einen Satz, der seither viel zitiert wird. „Es ist alles Fugazi. Wie man NVIDIA-GPUs im Wert von zig Milliarden in 8 bis 12 byzantinischen Schritten aus den Bilanzen verschwinden lässt.”
Wichtig ist, was Burry damit nicht sagt. Er wirft NVIDIA keinen Betrug vor. Sein Vorwurf ist ein anderer: Die Branche habe eine komplexe Struktur geschaffen, die Kreditrisiken aus den Bilanzen herausnimmt und für den Markt schwerer sichtbar macht. Die Schärfe der Warnung passt zu einem Markt, in dem die Zahlen ohnehin schwer zu greifen sind. Erst kürzlich sorgte ein 385-Milliarden-Verlust bei OpenAI für Diskussionen.
Wie der Deal funktioniert
Die Mechanik ist verschachtelt, der Kern aber einfach. Im Januar 2026 gründete die Investmentfirma Valor Equity Partners eine neue Gesellschaft namens Valor Compute Infrastructure. Diese Gesellschaft kaufte über 100.000 GB200-Chips von NVIDIA für 5,4 Milliarden US-Dollar. NVIDIA verbuchte den vollen Betrag sofort als Umsatz.
Der entscheidende Punkt folgt jetzt. NVIDIA steckte zugleich 1,9 Milliarden US-Dollar eigenes Geld als Ankerinvestor in genau diese Gesellschaft. Der Konzern verkaufte die Chips also an eine Firma, die er selbst mitfinanziert hatte. Burry nennt das Round-Tripping, weil Kapital erst von NVIDIA ausgegeben wird und später als Umsatz erneut im eigenen Ökosystem landet.
Die Chips selbst stehen physisch in einem Rechenzentrum von xAI und trainieren das KI-Modell Grok. Besitzer ist aber Valor. Das KI-Unternehmen nutzt diese über einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Dadurch taucht der Wert der Chips in keiner der beiden Bilanzen auf, weder bei NVIDIA noch bei xAI. Solche Mietkonstruktionen für Rechenleistung sind in der Branche verbreitet. Anthropic etwa mietet für sein Modell Claude einen Supercomputer mit 220.000 Chips.
Wer am Ende das Risiko trägt
Für den Kauf benötigte Valor Fremdkapital. Die Investmentgesellschaft Apollo Global Management stellte 3,5 Milliarden US-Dollar bereit. Diese Schulden bündelte Apollo zu Wertpapieren und verkaufte diese an Athene, eine eigene Versicherungstochter.
Hier schließt sich Burrys Kreis. Athene verkauft Rentenprodukte an ganz normale US-Bürger, oft an Ruheständler. Wer eine solche Rente kauft, erwartet Sicherheit und keine versteckten Kreditrisiken. Burry fasst die Rollenverteilung scharf zusammen. NVIDIA verbucht den Umsatz, Apollo kassiert Gebühren, xAI bekommt Rechenleistung und der Rentner trägt das Risiko, ohne davon zu wissen.
Was Kritiker dagegen sagen
Nicht alle teilen Burrys Eintschätzung. Ein Nutzer namens „OxSammy”, der nach eigenen Angaben Erfahrung bei großen US-Wirtschaftsprüfern hat, hält die Zuspitzung für übertrieben. Die Verpackung, Rentner trügen ein unsichtbares Risiko, sei sensationalisiert. Versicherungsnehmer hätten feste vertragliche Ansprüche und seien der Zahlungsfähigkeit von Athene ausgesetzt, nicht direkt dem Restwert der Chips.
Doch derselbe Kritiker räumt ein, dass Burry in der Sache recht haben könnte. Die Verbuchung der vollen 5,4 Milliarden als Umsatz sei der kritische Punkt. Wenn ein Teil des Verkaufs durch zurückgeschleustes Kapital finanziert werde, sei dieser Teil eben kein echter Verkauf. Hinzu kommt ein Einwand, den Burry selbst nennt. Solche Zweckgesellschaften sind weder neu noch illegal. Auch Meta und Microsoft nutzen ähnliche Strukturen, um Infrastruktur schneller aufzubauen. Nur weil die Struktur des Deals öffentlich sichtbar ist, konnte Burry sie überhaupt auseinandernehmen.
Cisco im Jahr 2000
Hinter dem einzelnen Deal steht Burrys eigentliche These. Er vergleicht NVIDIA mit dem Netzwerkausrüster Cisco zur Zeit der Dotcom-Blase. Cisco war damals der dominante Lieferant der Internet-Revolution. Die Aktie erreichte einen Höchststand und fiel dann um 80 %. Erst nach 20 Jahren hatte sie sich erholt.
Burry argumentiert, NVIDIA stehe heute an einer ähnlichen Stelle. Ein viel beachteter Bewertungsindikator stützt die Sorge. Das sogenannte Shiller-KGV des US-Leitindex lag im Mai 2026 bei 41,6. Das ist der zweithöchste Wert seit 140 Jahren und liegt knapp unter dem Dotcom-Hoch. Seine Skepsis reicht über NVIDIA hinaus. Auch die hohen Bewertungen der KI-Firmen, die an die Börse drängen, hält er für überzogen. Ein Beispiel ist der vertrauliche IPO-Antrag von Anthropic.
Fazit
Belegen lässt sich nur der sichtbare Teil. Die Strukturen existieren, sie sind öffentlich nachvollziehbar, und nach Burrys Lesart verschieben sie Risiko von NVIDIA und xAI weg. Ein Teil dieses Risikos landet, so Burrys Argument, in Rentenprodukten, deren Besitzer nie auf KI gewettet haben. So weit reicht der Befund.
Unbeantwortet bleibt alles, woran Burrys These am Ende hängt. Halten die Chips ihren Wert? Reicht die tatsächliche KI-Nachfrage aus, um die Mietzahlungen dauerhaft zu tragen? Und übersteht ein System, das auf saubere Quartalszahlen ausgelegt ist, auch ein schlechtes Quartal? Burry war schon früher an solchen Brüchen dran. Am Markt sieht zu früh oft genauso aus wie falsch. Nur eines spricht gegen die einfache Crash-Erzählung: Der Hunger nach Rechenleistung ist real, wie der Compute-Engpass der gesamten Branche zeigt.
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